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Die andere Hälfte 

... oder der Mut zum Widerstand. Erst wer den Weg zum Frauenstimmrecht kennt, wird den Weg zur Gleichstellung nachvollziehen können.

Dokumentarfilm, Schweiz 2003, 2 x 60 Min. oder 72 Min., DVCAM 
 

Szenenfoto: (v.l.n.r.) Evelyne Bermann, Josy Clare, Silvy Frick-Tanner, Helen Marxer, Christel Hilti beim Europarat, Strassburg 

Inhalt "Die andere Hälfte"

Liechtenstein – seit Jahrzehnten auf der Erfolgskurve, seit Jahren im Kreuzfeuer der Kritik – dieses Liechtenstein hat auch andere Menschen: Die andere Hälfte. Jene, deren Lebensqualität nicht über den Finanzplatz definiert wird, sondern darüber, welche demokratischen Rechte sie wahrnehmen können. Die andere Hälfte – dieser Film beschäftigt sich mit ihnen und ihren Erinnerungen. 

Der 2-teilige Film ist ein einzigartiges Dokument über den Kampf für die Gleichstellung von Frau und Mann. Gleichwohl im Herzen Europas gelegen, gab das kleine Fürstentum Liechtenstein als letztes europäisches Land erst 1984 seinen Frauen das Stimmrecht. Damit war zwar ein erster notwendiger Schritt zur politischen Mitbestimmung erreicht, die rechtliche Gleichstellung der Frauen musste jedoch in zähem Ringen mit einer monarchistisch und katholisch geprägten Gesellschaft erkämpft werden. Die Aktivistinnen und Aktivisten berichten authentisch und spannend über ihre Aktionen, ihre Erfolge und ihre schmerzlichen Rückschläge während fast vier Jahrzehnten. Die rechtliche Gleichstellung ist heute in Liechtenstein erreicht, nicht zuletzt dank der Integration in europäische Institutionen (Europarat, EWR). Doch sind die Visionen und Wünsche für eine wirkliche Gleichstellung von Frau und Mann verwirklicht? In exemplarischer und universeller Weise macht dieser Film Denkmuster und gesellschaftliche Strukturen sichtbar, die uns alle angehen. 

L'autre moitié

Ce film est un document unique sur la lutte pour l'émancipation de la femme et de l'homme. C'était donc en 1984, quand la petite principauté de Liechtenstein, bien que situé au milieu de l'Europe, donne aux femmes le droit de voter, comme dernier pays européen. C'était un premier pas nécessaire pour participer au pouvoir politique. Mais pour arriver à une situation des droits égales, une lutte dure devrait être continuer dans cette société monarchiste et catholique. Les activistes racontent authentiquement et avec suspense de leurs actions, leurs succès et leurs contrecoups douloureux qu'elles ont menées pendant quatre décennies. Aujourd'hui, l'émancipation juridique est réalisé en Liechtenstein, aussi bien grâce à l'intégration aux institutions européens. Mais la question reste: est ce que les visions et les désirs pour une émancipation réelle sont-ils réalisés? Ce film fait visible les modèles de société et les structures de penser dans une manière exemplaire et universelle qui concerne chacun et chacune d'entre nous.

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Szenenfoto: Barbara Rheinberger

Ein "must"-Film für alle, 

- die sich für die Gleichstellung von Frau und Mann interessieren

Die rechtliche Gleichstellung ist in den europäischen Ländern grösstenteils erreicht, aber verdienen Frauen und Männer deswegen gleich viel? Wieviel Frauen sind Professorinnen? Wer steckt zugunsten der Kinder die Karriere zurück? Wie wollen wir die Zukunft gemeinsam gestalten? Die UNO hat das neue Mitgliedland Schweiz angehalten, in Sachen Gleichstellung die gravierenden Defizite zu beheben.

- die mehr über das Fürstentum Liechtenstein wissen wollen

Dieser Film gibt eine Innenansicht des unbekannten Liechtensteins, jenseits aller Klischees. Er gibt Raum für die Erzählungen der politisch engagierten Frauen und Männer von damals und heute, und liefert damit ein Hintergrundwissen über eine Gesellschaft, die heute durch die Verfassungsdiskussion aufs Neue in ihrem Demokratieverständnis herausgefordert ist.

- für die die Geschichte der Frauen ein Thema ist

Die meisten europäischen Demokratien haben Ende des 1. Weltkriegs das Frauenstimmrecht eingeführt. Liechtenstein war das letzte europäische Land, das 1984 das allgemeine Stimm- und Wahlrecht einführte. Das kleine Land hat damit von den 60er-Jahren bis heute in rasantem Tempo markante gesellschaftliche Veränderungen vollzogen, die sich über einen längeren Zeitraum in allen europäischen Ländern vollzogen haben. Damit wird diese Geschichte exemplarisch und universell.

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Pressestimmen

Karin Jenny
KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Dornbirn/Österreich

www.kulturzeitschrift.at 

(Zum 1. Teil: Der Weg zum Frauenstimmrecht)

Seit Jahren ist Liechtenstein in den Schlagzeilen aus- und inländischer Medien. In Liechtenstein wohnen lauter reiche Leute. In Liechtenstein gibt es schöne Briefmarken. In Liechtenstein wird Geld gewaschen. In Liechtenstein muss niemand Steuern bezahlen. So etwa lauten die Formeln, auf die Liechtenstein reduziert wird. Ganz so, als ob es keine Normalität, keine Armen, keine Benachteiligten, keine aufrechten Menschen gäbe.
Der Film "Die andere Hälfte" der Liechtensteinerin Isolde Marxer "schreibt" die Geschichte eines Liechtensteins, das vor allem durch Courage, Mut und Beharrlichkeit mehr zum Fortschritt dieses Landes beitrug, als mancher Finanzjongleur es je könnte. Der Dokumentarfilm "Die andere Hälfte" zeichnet den harten Weg zum Frauenstimmrecht auf. Ein Weg, der Mitte der 60er-Jahre begann und 1984 sein Ziel erreichen sollte: Die Einführung des Frauenstimmrechts wurde in Liechtenstein mit 51,3 Prozent endlich angenommen.

... Das Frauenstimmrecht wurde in Liechtenstein auf andauernden Druck der Basis und letztlich auf Druck des Europarates in Strassburg eingeführt. Dorthin reisten 1983 zwölf Frauen, die es satt hatten, dass ein "demokratischer" Staat, bestehend aus stimmberechtigten Männern, das Frauenstimmrecht in regelmässigen Abständen den Rhein hinunter schickten. Es waren jene Frauen, die alle unter einem Sammelbegriff kannten: Dornröschen. Ihre Markenzeichen waren ein extremer Durchhaltewillen, Phantasie und Kreativität. Das Dornröschenplakat kam nicht gut an, das Flugblatt mit dem Quadratschädel aber ist selbst heute noch ein Synonym für "Nestbeschmutzerinnen". Den Gipfel aber schossen die Frauen mit ihrer Reise nach Strassburg ab. In den Augen der damaligen Liechtensteiner Regierung war das ein faux pas ohnegleichen. Das fehlende Frauenstimmrecht wurde als Familienangelegenheit gesehen, die niemand ausserhalb etwas angehe. Ueber Familienangelegenheiten spricht man nicht im Ausland und schon gar nicht vor dem Europarat. Doch die Reisenden waren nicht aufzuhalten. Weder mit offenem, noch mit verstecktem Druck. Und so ist heute noch die "Reise nach Strassburg" eine Metapher für Widerstand, Mut und Kreativität – ein Potential, das es in Liechtenstein immer noch gibt und immer geben wird. 

Der Film ist ein gesellschaftspolitisch wichtiges Dokument, nicht nur, weil er die Einführung des Frauenstimmrechtes so genau dokumentiert – er ist es vor allem deswegen, weil er Stimmungen vermittelt, weil er authentisch ist, weil er daran erinnern kann, dass Widerstand sinnvoll ist. Und weil er – das ist wohl die entscheidende Qualität des Films – Menschen sprechen lässt, die damals involviert waren und heute aus der Erinnerung diese Zeit beschreiben, die prägend für die gesellschaftspolitische Entwicklung Liechtensteins werden sollte.

Es gibt Fakten. Es gibt Zahlen. Geschichte besteht daraus. Ein Film aber, der nur darauf zurückgreifen würde, wäre statisch und würde nichts von dem mitteilen, was bewegte. Nichts vom Schmerz und nichts von den kleinen Glücksmomenten. Nichts von der Ohnmacht und nichts von den Mächtigen. Isolde Marxer hat mit dem Film etwas geschafft, was erstaunlich ist: Sie erzählt Geschichte(n), ohne sie zu interpretieren. Denn auch das sind Fakten: Ehemals Beteiligte am Kampf fürs Frauenstimmrecht sprechen über das, was damals war. Der Zeitraum seit Einführung des Frauenstimmrechts bis heute hielt diese Erinnerungen an den Kampf davor eher aufrecht, als dass er diese verblassen liesse. Etwa 35 Frauen und Männer, die damals "dabei" waren, sprechen über das, was da war. Zum Teil heute noch staunend, entsetzt, amüsiert – ganz so, als ob das alles erst gewesen sei. Das ist Teil der Geschichte: Dass diese Zeit eine breite Schicht in Liechtenstein politisierte, sensibel machte für Ungerechtigkeiten, stark machte für den Widerstand.

Lebendige, wache Gesichter zeigt der Film, Satzfragmente, die durch andere weitergeführt werden und dazwischen die Reise nach Strassburg. Eine Reise, die von den damaligen Akteurinnen noch einmal angegangen wurde. Dorthin, wo sie endlich Gehör fanden, wo man endlich begriff, um was es ging. Zum Europarat nach Strassburg. Die Reise nach Strassburg wird auch im Film zur Metapher, allein von der Musik von "bassax" – Markus Gsell und Roland Christen – kommentiert. Der Film revidiert das mündlich überlieferte Geschichtsbild der "bösen Emanzen", er bietet positive Bilder, die der Wirklichkeit entsprechen. Er setzt bei den Menschen an, die in realen Situationen gehandelt haben, Zustände erkannten, sich freuten, litten und kämpften. Gleichzeitig setzt Isolde Marxer Dokumente (Filme, Zeitungsberichte, etc.) ein, um die Erinnerungen der ProtagonistInnen zu ergänzen, aber auch, um das Geschichtsbild abzurunden.

Der 60 Minuten dauernde Dokumentarfilm geht über das reine Dokumentieren weit hinaus. Er zeigt, dass damals ein gesellschaftlicher Prozess in Gang gesetzt wurde, der massgeblich von Frauen bestimmt war. In der Nacherzählung dieses Prozesses wird ein anderes Gesicht von Liechtenstein sichtbar, das im Reden über Liechtenstein kaum aufscheint. In dieses Gesicht stehen Zivilcourage, Weltoffenheit, kritischer Bürgersinn und kämpferisches Engagement geschrieben. Die Einführung des Frauenstimmrechts war der Beginn. Am Ende des langen Gleichstellungsweges sind wir allerdings noch lange nicht angekommen. Drei Frauen in einem 25-köpfigen Parlament, das war die letzt Schlappe, die sich Liechtenstein im Jahre 2000 selbst gab. Vielleicht bringt der Film wieder etwas Bewegung in die Geschichte, etwas mehr Mut in die Herzen und vor allem etwas mehr Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die am Anfang des 21. Jahrhunderts steht, allein schon aus demokratischen Gründen, von Frauen und Männern zu gleichen Teilen gestaltet werden muss. Weil sonst immer die andere Hälfte fehlt. Jene Hälfte, deren Bedeutung Isolde Marxer so klar zeichnete.

(Zum 2. Teil: Der Weg zur Gleichstellung)

Der zweite Teil widmet sich dem "Weg zur Gleichstellung". Ein Film, der ähnlich aufgebaut ist wie der erstes Teil: Etwa 40 ProtagonistInnen reden über die 80er Jahre in Liechtenstein und selbst für jene, die in dieser Zeit hier alles miterlebten, klingt vieles unglaublich.

Mit einem Gesetz aus dem Jahr 1812 wurde bis in die späten 90er Jahre das Zusammenleben von Frauen und Männer geregelt. Ein Gesetz, das wohl die Bibelstelle "Das Weib ist dem Manne untertan" als Vorlage hatte. Frauen mussten viel und durften nichts. Vor diesem Hintergrund ist erklärbar, warum so vieles in den rigiden 80er Jahren vom Volk abgelehnt wurde. Auch oder gerade von einem Volk, das seit 1984 auch von Frauen vertreten wurde. Die ursprüngliche Aufbruchstimmung nach Einführung des Frauenstimmrechts führte zu einer Verfassungsinitiative "Gleiche Rechte für Mann und Frau", die vor dem Volk keine Chance hatte. Männer hielten ohnedies nicht viel davon und Frauen glaubten, dass sie dabei nur verlieren könnten. Dieser Ablehnung folgte die Abfuhr der Initiative "Diskriminierungsverbot" im Jahr 1992 und der damaligen Forderung nach einem Gleichstellungsbüro wurde erst 1996 nachgegeben. Das alles ist erst ein paar Jahre her.

Die gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann ist mittlerweile erreicht. Das Leben aber lehrt anderes: Politik und Wirtschaft stützen sich immer noch auf Männer. Frauen kommen vor, aber so selten, dass sie wieder zu Exotinnen werden. Das Denken hinkt hinterher und die Forderung nach Gleichberechtigung ist immer noch ein Tabu – denn das einzig wirksame Instrument einer Quotenregelung in der Politik wird sowohl von Frauen als auch von Männern der beiden Grossparteien entrüstet abgelehnt.

Gleichberechtigung fällt nicht vom Himmel.
Auch der zweite Teil des Films von Isolde Marxer ist spannend, entlarvend und gleichzeitig ermutigend. Eine relativ kleine Gruppe von Menschen kämpfte über Jahre mit Ausdauer und Phantasie um Rechte, die anderswo selbstverständlich erscheinen. Dass nun diese Rechte gesetzlich verankert sind, soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel noch zu tun ist. Es ist heute sogar schwieriger geworden als vor Einführung des Frauenstimmrechts – die Ungerechtigkeiten waren so eklatant, dass selbst der verbohrteste Gegner einsehen musste, dass das nicht mehr geht. Heute haben wir die Situation, dass es gesetzlich moderat aussieht, die Praxis aber hinterher hinkt. Alles ist subtiler geworden. Der Kampf muss weitergehen, es wird weiterhin Zivilcourage und Mut brauchen, um die Durchsetzung dieser Rechte in der Praxis verwirklicht zu erleben. Auf keinen Fall ist es so, wie eine junge Zuschauerin meinte: "Ihr habt soviel gekämpft und erreicht – für uns bleibt ja nichts mehr zu tun ..." 

Die Hoffnung sind die jungen Frauen und Männer. Jene Generation, die vielleicht entspannter mit der Gleichstellung umgeht und ihre Rechte ganz selbstverständlich einfordert. "Die andere Hälfte" 1. und 2. Teil ist ein wichtiges Zeitdokument, das insbesondere die junge Generation daran erinnert, dass LiechtensteinerInnen aus einem Holz geschnitzt sind, das nicht so schnell zerbricht. Das müsste Mut machen, auf dem Weg zur Gleichstellung nicht vor dem Gesetzestext stehen zu bleiben.

Handlung entsteht durch das Erinnern. Bei beiden Teilen des Films "Die andere Hälfte" erinnern sich Frauen und Männer. Sie erzählen aus der Erinnerung, wie sie diese Zeit erlebten, was sie bewegte und was sie erfahren haben. Des einen Erinnern wird ergänzt durch das Erinnern der nächsten ... bis zum Schluss die Geschichte steht. Die Sequenzen sind so geschickt geschnitten, dass alles wie aus einem Guss wirkt. Die Gesichter sprechen, die Augen und manchmal die Hände – lassen sich all die Jahre nacherzählen? So, dass die Eindringlichkeit, die Enttäuschungen, die Verletztheiten und Ungeheuerlichkeiten nicht verloren gehen? Es braucht einen Bezug zu dieser Geschichte und eine Distanz zur Geschichte – Isolde Marxer, die als Filmregisseurin seit über 20 Jahren in Zürich lebt, hat beides – vielleicht ist das das Geheimnis, warum diese Jahre nacherzählbar geworden sind und nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Liechtensteiner Vaterland

Die Begeisterung für diesen Film kommt nicht von ungefähr. In Gesprächen mit den damals "Betroffenen", d.h. Beteiligten im Kampf für das Frauenstimmrecht, schuf die Regisseurin Isolde Marxer eine Geschichte authentischer Erlebnisberichte. Nicht selten hört man Stimmen wie "Das hab ich gar nicht gewusst" oder "Jetzt verstehe ich, warum ...". Diese Statements belegen jedoch nur zum Teil die Notwendigkeit diese Dokumentarfilms. Allerdings einer Dokumentarfilms mit der Spannung eines Krimis.
Was aber den Film auszeichnet, ist, dass er ein Bild Liechtensteins zeichnet, das zukunftsweisend ist. Widerstand, Beharrlichkeit und Engagement sind Fähigkeiten, die zum Ziel führen. Und Demokratie ist mehr als nur ein Wort.

Gerolf Hauser
Liechtensteiner Volksblatt

Der Begriff "sehr persönliche Bilder" meint, dass Isolde Marxer jene etwa 35 Frauen und Männer, die damals unter meist nicht leichtem und erst recht nicht widerstandlosem persönlichen Einsatz für das Erlangen dieses Grundrechts sich einsetzten, in Kurzstatements den Weg zur Erlangung des Frauenstimmrechts erzählen lässt, ein Weg gepflastert mit Erniedrigungen und Enttäuschungen – und dies, obwohl, wie es einmal im Film richtig heisst, das Frauenstimmrecht "im Prinzip eine Selbstverständlichkeit" ist.
Der erste Teil des Filmes macht durch die persönlichen Erlebnisse ein wichtiges Stück Zeitgeschichte zu einer lebendigen Chronik, beginnend mit der Konsultativ-Abstimmung 1968, über die Abstimmungen 1971 und 1973, bei denen das Frauenstimmrecht jeweils abgelehnt wurde, die Gründung eines Frauenstimmrechtkomitees, das Jahr 1976, als die Gemeinden das Frauenstimmrecht einführen konnten, bis zur Gründung der Aktion Dornröschen, der Quadratschädel-Flugblattaktion, der Fahrt nach Strassburg zum Europaparlament und dem Jahr 1984, als in einem Volksentscheid dieses Grundmenschenrecht mit einer minimalen Mehrheit angenommen wurde. Lebt man mit der inneren Haltung jener damals in Liechtenstein sich engagierenden Frauen, dass das Verändern eines Unrechts, einer Ungleichheit eigentlich doch keine Mehrheit braucht, wie es einmal im Film heisst, machen die Berichte in Isolde Marxers Film noch betroffener. Und dies, obwohl es in keinem der Berichte Anklagen, Verunglimpfungen oder Verurteilungen gibt. Wohl mit der aus dem Abstand gewonnenen Ruhe wird Zeitgeschichte erzählt.

Man mag es kaum glauben, dass diese Geschehnisse erst wenige Jahrzehnte zurückliegen. Die damaligen Gegner des Frauenstimmrechts seien zwar schwer erkennbar, nicht fassbar gewesen, denn kaum einer hätte sich in der Öffentlichkeit darüber geäussert. Die Enttäuschungen und Demütigungen allerdings wurden gespürt, nicht nur bei den Beschimpfungen als Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter, den anonymen Telefonanrufen oder tätlichen Angriffen bei der Demonstration von SchülerInnen für das Frauenstimmrecht, bei der sich Gegner so verhielten, dass es eine "Begegnung mit den primitivsten Argumenten, mit den Fäusten" war. Es wollte auch nicht gesehen werden, dass die Frauen den Wunsch hatten, im Land und für das Land mitzuarbeiten. Der Film zeigt diese Gesellschaftszustände in berührenden Bildern und Worten. Sollten wir wie beim Fernsehen ein Urteil abgeben, würde es einmal heissen: Unbedingt anschauen und dann: Pflichtbestandteil des Geschichtsunterrichts.

LIEWO 

Der Film ist ein "Muss" für alle, die mehr wissen wollen über dieses Liechtenstein, das ständig um sein gutes Image ringt. Ein besseres Image kann niemand diesem Land geben als diese engagierten und wachen Frauen und Männer, die damals den Grundstein für ein anderes Bewusstsein legten. Es soll weitergebaut werden auf diesem Fundament. Vielleicht gelingt vieles besser, wenn man weiss, woher man kommt. "Die andere Hälfte" ist ein wichtiger Beitrag zur Heimatfindung.

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 Plakat

Technische Angaben

2-teiliger Dokumentarfilm:
1.Teil: 60 Minuten
2.Teil: 60 Minuten
Kurzversion in einem Teil: 72 Minuten

Format

Original-Format: DVCAM 16:9
Verkaufs-Format: VHS-Kassetten
Vorführ-Format: DVCAM oder Beta SP (mit dt. UT)
Versionen
Original-Version: Dialekt
Untertitelte Version: Dialekt mit dt. UT

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Equipe

Kamera Hansueli Schenkel
Urs Kohler
Ton Dieter Meyer 
Andreas Litmanowitsch
Ingrid Städeli
Schnitt Isolde Marxer
Fee Liechti
Eva von Wartburg
Tonschnitt und Mischung Christian Beusch
Magnetix
Musik Markus Gsell 
Roland Christen;
Aus der CD "bassax"
Realisation Isolde Marxer
Mitwirkende Alfred Hilbe, Alice Fehr-Heidegger, Andrea Willi, Barbara Rheinberger, Bernadette Brunhart, Bernadette Kubik-Risch, Berty Malin-Ziegler, Christel Hilti, Claudia Fritsche, Claudia Robinigg, Elfriede Quaderer-Vogt, Emma Brogle, Emma Eigenmann, Evelyne Bermann, Gerda Bicker, Hans Brunhart, Helen Marxer, Helmuth Marxer, Ingrid Allaart , Ingrid Hassler-Gerner, Josef Biedermann, Josy Clare, Judith Marxer, Maja Marxer-Schädler, Melitta Marxer, Dr. Michael Ritter, Norbert Seeger, Patricia Büchel, Paul Vogt, Regina Marxer, Rony Frick, Rösle Eberle-Kind, Rupert Hilti, Silvy Frick-Tanner, Susanna Kranz, Ursula Wachter, Veronika Marxer und Caroline Caduff, Jasmin Vogt, Johanna Walch, Laura Cavallaro, Michaela Beck, Sonja Grasern.
Produktion Verein Bildungsarbeit für Frauen, www.bildungsarbeit-frauen.li 
Coproduktion imFILM Produktion
EDV-Support Beat Funk, www.fuco.ch 
Nico Lypitkas
Dokumente Privatarchive
Inventur
Liechtensteinisches Landesarchiv, www.la.llv.li   
Liechtensteiner Vaterland
Liechtensteiner Volksblatt
Filmausschnitte SF DRS Tagesschau
Privatarchive

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Finanzierung

Kulturbeirat der Regierung des Fürstentums Liechtenstein
Gleichstellungsbüro der Regierung des Fürstentums Liechtenstein, www.3laenderfrauen.org 
Gemeinden: Balzers, Eschen, Gamprin, Mauren, Planken, Ruggell, 
Schaan, Schellenberg, Triesen, Triesenberg, Vaduz
Guido Feger Stiftung
Karl Mayer Stiftung
Succès passage antenne
Frauen-Union
Frauen in der FBP
Verein zum Schutz misshandelter Frauen
Infra
Soroptimist
Zonta
Vorstand Verein 
Liechtensteinische Landesbank
Ivoclar AG
Gerold Schädler und Partner
Karin Beck Grafik
Barbara Schädler Goldschmiede
L Press
Private
Eigenleistungen

Auswertung

(Stand März 2003)

Kino

TAKINO, Schaan, www.tak.li 

Festivals

Filmfest Vaduz, Juli 2002
Solothurner Filmtage, Januar 2003

Fernsehen

SF DRS, 12. November 2003

Verkauf

VHS-Kassetten erhältlich bei: Verein Bildungsarbeit für Frauen, 9493 Mauren 
Details... 

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Film-Zitate

1968 Konsultativabstimmung

Ich war damals total überzeugt, dass meine Stimme überhaupt nicht nötig sein würde für ein überwältigendes Ja. Aber ich bin dann das erste Mal auf die Welt gekommen.

Zu unserer grossen Freude ist diese Abstimmung so verlaufen, dass die Frauen mehrheitlich ja gestimmt haben zur Einführung des Frauenstimmrechts. Wobei es nicht so ist, dass die Mehrheit dafür sein müsste. Die Tatsache, dass es ein Unrecht ist, reicht, dass man etwas ändert.

1971 Erste Abstimmung

Eines der grossen Probleme war, dass der Frauenstimmrechtsgegner schwer erkennbar war, überhaupt nicht fassbar eigentlich. Es haben sich nur die zu Wort gemeldet, die dafür waren.
Es hat niemand in der Öffentlichkeit gesagt, ich bin dagegen.

Es ist ja an sich pervers. Denn wir hatten ein undemokratisches System, nämlich nur rund 20% der Bevölkerung waren stimmberechtigt. Das waren nur die Liechtensteiner Männer von 20 bis uralt, die stimmen gehen konnten. Die hatten nach meinem Dafürhalten, nach meinem damaligen Bewusstsein, gar nicht die demokratische Legitimition, um das zu machen. 

Nach der Ablehnung 1971

Das war das erste Mal, dass Frauen auf die Strasse gingen. Das war nach einer sogenannten demokratischen Abstimmung, ein Mehrheitsentscheid. Auch wenn es eine Männerabstimmung war, hat man das dazumal noch als demokratisch betrachtet. Dass man sich dem nicht einfach beugt, hat man nicht verstanden. Und es war ganz klar, diese Demonstration hat der Sache der Frau wieder geschadet und die Schuld trugen wir.

Ich hatte damals das Gefühl, dass das Angebot, das Frauen machen – also das ich auch mache um an diesem Staat oder an dieser Politik mitzuarbeiten – einfach abgeklemmt wird. Man hat ja nicht immer die ganz grossen Vorstellungen. Aber wir hatten das Gefühl, wir wollen mitarbeiten, wie diese Gesellschaft sich entwickelt in diesem Land. Und das wird einfach abgeklemmt und zwar rigoros, ohne grosse Diskussion und ohne dass sich viele dabei schlecht fühlen.

1973 Zweite Abstimmung

Die Parteien konnten nicht wirklich dafür sein, weil ihnen mit dem Einbezug der Frauen viel Kontrolle verloren ginge.

Das waren sehr viele aktive Politiker, die ein gutes Bekenntnis ablegten. Aber man hatte den Eindruck, abgestimmt wird wahrscheinlich dann anders.

Mit diesen "eingeheirateten Frauen" war eine grosse Debatte. Es war klar, dass diese mitmachen können, aber es war schon nicht mehr so klar, wann und wie sie sich äussern dürfen.

Vor allem bei Leuten, die kein grosses Selbstbewusstsein hatten, kam das Argument schon an, dass dann die Ausländerinnen, die reinkommen, mit geschliffener Sprache das Geschehen übernehmen. 

Die Ur-Liechtensteinerin hat mir das auch gesagt, dass die Ausländerinnen mit verantwortlich sind, dass sie das Frauenstimmrecht nicht bekommen.

Das war der sensibelste Punkt eigentlich bei den Stimmrechtsgegnern. Da waren viele Ängste.

Da müsst ihr mit euren Söhnen darüber reden. Diese Frauen sind ja von Liechtensteinern geheiratet worden.

Was wollen denn diese Frauen? Sie haben jeden Tag zu essen, sie dürfen kochen und haushalten, mehr brauchen die nicht. Bis jetzt haben wir auch gesagt, wo es lang geht, das können wir doch weiterhin. "Ein Weib", das ist noch der allgemeine Ausdruck bei uns, das hat zu tun, was der Mann will, dann haben wir den Frieden im Haus.

Ich habe erlebt, wie die Stimmunterlagen im Spital auf den Nachttischen lagen. Stimmunterlagen hatten damals nur Männer. Ich musste diesen Patienten wickeln, lagern, er war kaum ansprechbar, aber ich wusste, seine Stimme zählt. Die wird mit der Wahlurne abgeholt.

Nach der Ablehnung 1973

Es war eine ziemlich giftige Athmosphäre. Die Politiker waren total verunsichert. Damals bestand eine Reformunfähigkeit und eine Reformunwilligkeit, die unglaublich war und uns das Leben schwer machte. Man sagte sich, wenn das so weitergeht, muss man sich wirklich überlegen, ob man in diesem Land eine Zukunft hat. 

Mir hat das einfach nie eingeleuchtet, dass das Demokratie ist. Ich habe immer gedacht, das ist eigentlich Apartheid, eine Männerapartheid.

1981 Aktion Dornröschen

Und zwar schläft das Dornröschen 100 Jahre. Dann kommt ein Prinz und küsst es wach. Bei uns auf dem Plakat stand aber, wir brauchen keinen Prinz, der uns wachküsst, wir erwachen von selbst.

Was man macht, das ist wie Ungehorsam. Man verstösst gegen die Autoritäten, wenn man etwas fordert, was der grosse Teil der Leute das Gefühl hat, es steht den Frauen nicht zu. Das war das schwierigste, auf jeden Fall für mich, das zu überwinden, das trotzdem zu machen. 

Für uns wurde in dieser Zeit einfach immer klarer, dass wir nicht mehr bereit sind, uns an die Spielregeln der Männer zu halten.

1982 Klage vor dem Staatsgerichtshof

Vom Standpunkt der Demokratie aus: es ist einfach keine Demokratie, wenn man die Hälfte nicht mitmachen lässt.

In der schriftlichen Urteilsbegründung stand eine unglaubliche Bemerkung. Es sei eine gewisse Überlegung, wie der Apostel Paulus gesagt habe: das Weib schweige in ihrer Gemeinde! 

Das kam mir ungeheuerlich vor. Es wurde mir auch klar, dass das ein sehr guter Begründungsspruch ist. Wir sind eben ein katholisches Land und ein monarchistisches Land. Weder in der Kirche noch in der Monarchie sind die Frauen vorgesehen. 

Es ging ja drum, dass ich das Recht nicht haben soll, nur weil ich eine Frau bin. Das war doch durch überhaupt gar nichts zu rechtfertigen. Vielleicht durch ein paar juristische Winkelzüge, aber sonst durch nichts zu rechtfertigen. Da hat sich natürlich wieder manifestiert, wo die Macht im Staat ist, und dass das Recht nur dann und nur so gilt, wie die Mächtigen es interpretieren. Dieses Ausgeliefertsein einer bestimmten Macht, war das ganz schlimme.

Männer für das Frauenstimmrecht

Es sind nicht nur diese verrückten Weiber, sondern mittlerweile gibt es auch sehr viele Männer, die das als längst überfällig und als Selbstverständlichkeit anschauen.

Wir sind fast explodiert wegen diesem Zustand und haben uns aufgeregt. Darum haben wir mitgemacht. Aber konkret war, mit dem Stimmzettel zu winken, da hatten wir das Gefühl, auf das reagieren sie stark.

Das ist man bei uns nicht gewohnt, dass Frauen mit Witz und Können so eine Aktion starten. 

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, als ich mit diesen Frauen zusammen gearbeitet habe, dann ist mir vor allem als Erinnerung geblieben, dass es eine andere Art des Politisierens war aus einer persönlichen Betroffenheit heraus. Man hat ein Anliegen vertreten, das berechtigt war. Aber es wurde in einer konservativen Gesellschaft vorgebracht. Diese Gesellschaft konnte dieses Anliegen nicht mit rationalen Argumenten bekämpfen, sondern mehr mit Einstellungen, mit Traditionen: es war noch nie so..... Das war eine Art von Umgang mit Problemen, die uns lange Zeit beschäftigt hat.

Als Präsidentin der Frauen-Union hatte ich automatisch Sitz im Partei-Präsidium. Ich war lange Zeit die einzige Frau. Man hat sich irgendwie abgefunden damit, denn die Strukturen waren – verkrustet möchte ich nicht sagen – einfach männlich dominiert.

Die Parteifrauen haben in meinen Augen eine schwache Rolle gespielt. Sie sind immer wieder auf die Argumente der Männer eingegangen. Wenn es hiess, das ist jetzt ein falscher Zeitpunkt, dann haben sie gefunden, ja, der Zeitpunkt ist wirklich falsch. Wir müssen moderater vorgehen. Zwischen den Dornröschen und diesen konnte eigentlich nie ein richtiger Dialog stattfinden.

Quadratschädel

Seid ihr vom Aff gebissen? Geht es euch noch? Jetzt macht ihr noch die mit gutem Willen verrückt!

Ein schönes, herziges, kleines Viereck und zwei Äuglein, Punkt - Punkt - Komma - Strich - auf einem karierten Papier.

Ich habe den Eindruck, der grosse Teil der Männer – Frauen waren ja nicht angesprochen – hat sich als Quadratschädel angesprochen gefühlt.

Die Leute sahen, dass das Bild vom Liechtensteiner, das mit dem Quadratschädel gezeichnet wird, mitunter doch nicht ganz unrichtig ist und dass damit eine konservative Grundhaltung angeprangert wird. Das gab verschiedenen Leuten zu denken, die dann sagten, nein-nein, wir sind keine Quadratschädel, was meinen die? Wir haben eine demokratische Gesinnung.

Also man ist dann schon herumgelaufen wie ein roter Hund. Das war auch die Zeit, in der anonyme Telefonanrufe kamen.

Es war sicher kein Vorteil, zu diesen Dornröschen zu gehören, wenn man noch Aufträge wollte im Land.

1983 Reise zum Europarat nach Strassburg

Die Regierung von Liechtenstein hat 1978, als das Gesuch gestellt wurde, in den Europarat aufgenommen zu werden, versprochen, alles zu unternehmen, um dem Frauenstimmrecht zum Durchbruch zu verhelfen. 1982 waren wir immer noch nicht weiter. 

Man hat natürlich versucht, ein wenig zu drohen: wenn du nach Strassburg gehst, dann bist du abgeschrieben im Land, wurde mir gesagt.

Man hat gemerkt, es ist so wie in einer Familie, es darf ja nichts nach aussen gehen. Das ist Privatsache. So war das auch die Privatsache Liechtenstein.

Wir sind wie aus allen Wolken gefallen. Liechtensteinische Abgeordnete? Das sei diese Delegation! Dann haben wir gesagt, was sie sich denn vorstellen, dass wir nach Strassburg reisen um unsere Parlamentarier zu treffen? Das hätten wir in Vaduz einfacher haben können. Dann wurden wir sehr wütend. Ich habe gedacht, das ist ein abgekartetes Spiel.

Die Madame Girard-Montet, das war eine FDP-Abgeordnete aus der Schweiz. Das war wie eine Befreiung. Sie hat begonnen: mes chères amies! Und sie verstehe unser Anliegen sehr gut. Ich glaube, sie hat sogar gesagt, warum wir nicht schon früher gekommen seien. Jetzt hat es endlich einmal jemand verstanden!

Ich weiss nur, dass wir zuerst einmal alle erschöpft waren. Im Grunde wussten wir gar nicht, was eigentlich passiert war. Das ganze ist wie ein Film abgelaufen.

Es war ein sehr grosser Unterschied, als wir gingen und als wir zurückkamen. Wir waren sehr enttäuscht. Je näher wir nach Liechtenstein kamen, ging mir durch den Kopf, was passiert morgen in diesem Land?

Nach Strassburg gehen, das hat mir nichts ausgemacht. Ich war sicher, dass wir dort gut aufgenommen werden. Aber zurückkommen und voll dazu stehen, was man dort gemacht hat, nämlich eine Art die Männer verraten, dass sie nichts tun – obwohl das ja sehr berechtigt war – das hat mir Mühe gemacht.

Was mich natürlich gestört hat, ist, dass die Aktion Dornröschen als Störfaktor empfunden wurde, zum Teil auch bei den Frauen. Rückblickend muss ich sagen, wie auch in vielen anderen Ländern und auch bei vielen anderen Sachen, es sind nun einmal jene, die sich wehren, die eine Veränderung herbeiführen. Rückblickend gesehen hatte die Aktion Dornröschen viel mehr als ihre Berechtigung. Sie war ein Motor, der zu Entwicklungen geführt hat.

1984 Dritte Abstimmung

Für die Parteien war es ein Signal, jetzt wird es ernst. Die geben nicht locker. Wir hätten ja eine Klage in Strassburg einreichen können. Jetzt müssen wir schauen, dass das tatsächlich einmal über die Bühne geht.

Der Effekt war der, dass die Politiker erkennen mussten, dass sie mit dieser doppelbödigen Politik, die sie bisher betrieben haben, nicht mehr durchkommen. Dass man den Befürwortern sagt, jaja – es kommt schon – keine Angst, wir sorgen dafür. Und den Gegner, die man bei der nächsten Wahl auch wieder braucht, sagte man, ja – habt Geduld, das geht wieder vorbei ... usw.

Sobald jemand dahinter steht und wirklich alles in Bewegung setzt, das erzeugt eine Wellenbewegung. Das gibt einen Sog.

Wir haben uns bis zuletzt dagegen gewehrt, dass die Männer über uns abstimmen sollen. Wir wären zahlenmässig gerade auch noch ein paar mehr im Land. Das ist keine Spur von Demokratie, das ist doch klar. Wir haben an die Regierung geschrieben, das ist nicht in Ordnung, dass es eine Männerabstimmung gibt über das Anliegen, über das Recht der Mitbestimmung. Aber die Politiker haben von Demokratie geschwatzt wie nichts. 

Es war wirklich eine Zitterpartie. Am Schluss war es eine Erleichterung – gottseidank – gleichzeitig aber alles andere als eine Euphorie. Die Tatsache blieb bestehen, dass fast 50% dagegen waren.

Nach der Einführung

Ein Mann alleine kann die Welt nicht gestalten und eine Frau alleine auch nicht. Wir gehören beide zusammen. Im Grunde genommen betreffen alle politischen Fragen beide.

Bis wir soweit sind, dass wir uns artikulieren können, getrauen und das in absolut souveräner Art und Weise tun, dieser Weg ist für uns immer noch länger als er für einen Mann ist.

Man müsste sich bewusst werden, dass Politik im Alltag stattfindet.

Abgesehen davon sehe ich das als Bereicherung, dieser Dialog zwischen Mann und Frau.

Ich kann nicht sagen, warum damals noch so viele Nein gestimmt haben...
Es gibt auch heute noch Gegner, davon bin ich überzeugt. 

1986 Initiative: Gleiche Rechte für Mann und Frau

Damals hatten wir noch das Zivilgesetzbuch von 1812, in dem eine Frau nicht einmal Vormund von ihrem eigenen Kind sein konnte, wenn der Vater stirbt. 

Eine Frau hatte z.B. kein Recht, Einsicht zu nehmen in die Steuererklärung ihres Mannes, musste aber, wenn er nicht zahlen wollte oder nicht konnte, solidarisch mithaften.

Für die Anpassung des Bürgerrechts braucht es noch eine gesellschaftliche Entwicklung. 8 Jahre haben wir vorgeschlagen als Übergangsfrist. Es gab dann andere Bereiche, im privatrechtlichen Bereich, in denen wir 4 Jahre Übergangsfrist vorgeschlagen haben. Ich denke, das war eigentlich nicht eine sehr radikale Initiative, sondern ein sehr vernünftiger und massvoller Vorschlag. Ich war der Meinung, dass es möglich wäre, innerhalb dieser Fristen die verlangten Änderungen durchzuführen. 

Nach der Ablehnung der Initiative Gleiche Rechte

Ich war sehr enttäuscht. Weil wir nicht mehr sagen konnten, das sind die Männer. Die Frauen haben mitgestimmt.

Das stimmt. Die logische Folge wäre gewesen, dass einfach alle Frauen dieser Initiative zugestimmt hätten.

Das habe ich nicht erwartet. Dass sie gerade so heftig gegen ihre eigenen Rechte stimmen, das ist traurig, ja.

Ich hatte Diskussionen mit Parteifrauen, die überzeugt waren, dass es nachher den Frauen schlechter geht, wenn sie gleiche Rechte haben. 

Man hat die Frauen nicht gefördert innerhalb der Parteien oder viel zu wenig oder an den falschen Orten. Wir waren froh, dass es dann ein paar gab, die überhaupt bereit waren sich aufstellen zu lassen.

Diese Eisbrecher, die braucht es, die den Kopf am Anfang für etwas hinhalten.

Kommission "Gleiche Rechte für Mann und Frau"

Es ist wie eine neue politische Kultur in einem Teilbereich entstanden in dieser Kommission, indem man fernab jeder Parteipolitik miteinander am Strick gezogen hat.

Anfangs war eine Situation, die doch von Feindbilder geprägt war, ein gegenseitiges Abtasten, ein nicht-viel-erwarten.

Es gab natürlich solche, die auch in dieser Kommission die Vorreiterrolle gespielt haben. Dann gab es andere, die eher den konservativen Teil übernahmen. Einige haben erst im Laufe der Jahre das entwickelt, was man als feministische Denkweise bezeichnet. Wir waren nicht alles Feministen und Feministinnen, die in diese Kommission kamen.

Für mich war es ein grosses Erlebnis in dieser Kommission für Gleichberechtigung. Das waren im wesentlichen die Kämpferinnen.

Die Gruppe hatte schon eine Vordenkerrolle. Aber die Regierung hat nur das nachvollzogen, was der Allgemeinstandard war, also was für eine Mehrheit der Bevölkerung bereits selbstverständlich war. 

Besser keine Kommission als eine, die nichts tut, aber die Regierung immer sagen kann, wir haben alles. 

Klage wegen Ungleichbehandlung: Staatsbürgerschaft!

Die Staatsbürgerschaft konnten nur die Männer weitergeben, egal ob sie im Land lebten, egal wo in der Welt sie lebten, sie mussten keinen Bezug zu Liechtenstein haben. Sie konnten es einfach weitergeben. Egal auch mit wem sie diese Kinder hatten. Umgekehrt ging das eben nicht.

Ich bin Liechtensteinerin und meine Kinder waren Ausländer. Das hiess, dass ich für jedes Kind einen Ausländerausweis brauchte.

Wenn jemand hier aufgewachsen ist, dann will er hierher gehören. Wenn er eine liechtensteinische Mama hat, dann fühlt er sich verbunden. Natürlich will er die Staatsbürgerschaft haben und irgendwohin gehören, wo er sich heimisch fühlt. Es ist sicher eines der Schlüsselrechte.

Der Staatsgerichtshof hat die Staatsrechtsbeschwerde abgewiesen mit der Begründung, dass der Gleichheitsgrundsatz aufgrund einer authentischen Interpretation für alle Landesangehörigen weiblichen und männlichen Geschlechts gelte, dass es aber gewisse Rechte gäbe, die man nicht über eine Verfassungsbestimmung erzwingen könne, sondern – das war zwischen den Zeilen zu lesen – das müsse der politische Entscheidungsträger, das Volk, der Souverän bestimmen. Meiner Meinung nach hat sich der Staatsgerichtshof einfach nicht gewagt, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, das Staatsbürgerschaftsgesetz aufzuheben wegen Verfassungswidrigkeit.

Österreich hatte genau den gleichen Verfassungsartikel, wie wir damals. Dieser hatte Auswirkungen auf alle Gesetze und hat die Gleichstellung tatsächlich garantiert.

Die 80er-Jahre waren in Liechtenstein eine rigide Zeit. Alles in den alten Spuren, alles was man aufweichen wollte, das war rigid. Sachen wurden ausgesessen, brauchten viel Zeit. Wenn ich jetzt so seufze, muss ich sagen, es hat alles einen langen Atem gebraucht.

1992 Verfassungsänderung "Mann und Frau sind gleichberechtigt"

Der Landtag war der Meinung, dass die Stimmberechtigten Stimmen sammeln gehen sollen, wenn die Bevölkerung sich an diesem Gesetz wirklich dermassen stört, dass ein Referendum eine Chance hat. Aber man hat gewusst, am Grundsatz führt kein Weg mehr vorbei.

1994 10. Jahr Frauenstimmrecht

Es ist auf den Plakaten zum Ausdruck gekommen, dass vor allem in den persönlichen Bereichen mit der Gleichberechtigung nicht so viel vorwärts gegangen ist. Es sind immer noch die Frauen, die zuhause bleiben, die die Karriere zurück stecken, die weniger Lohn haben. Alle diese Sachen waren auch damals nicht sehr viel anders.

1996 Gleichstellungsbüro 

Für mich war der Einstieg eine grosse Herausforderung. Ich wusste, es sind sehr viel und auch unterschiedliche Erwartungen da. Von den progressiveren Frauen im Land wurde sehr viel in das Gleichstellungsbüro gesetzt. Andere hat es nicht bekümmert, ob es ein Gleichstellungsbüro gibt oder nicht. Andere hatten Ängste, dass das Gleichstellungsbüro zu forsch vorgeht und zu viel fordert.

Gerade im Ressort Soziales ist Gleichberechtigung und Gleichstellung ein parmanentes Thema, aber natürlich auch in der Wirtschaftspolitik, wenn es um gleichen Lohn für gleiche Arbeit geht, wenn es um die ganze Berufswelt geht, in der die Frauen sicher noch nicht gleich gestellt sind.

"Die geben keine Ruhe!" "Jetzt wird alles für die Frauen gemacht!" Ich höre immer wieder Reaktionen von Leuten, die das Gefühl haben, man macht ja alles nur noch für die Frauen. Es ist ihnen nicht klar, dass das nur Abschaffungen von Ungerechtigkeiten gegen die Frauen sind. Es wird so wahrgenommen, als ob es ein Zugeständnis oder ein Privileg wäre für die Frauen. Das stimmt ja gar nicht.

Integrationsentwicklung in Europa

Wir mussten europafähig werden. Wir mussten uns in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens mit Europa vergleichen durch den EWR-Vertrag. Auch Thema Gleichstellung ist im EWR-Vertrag ein Kapitel.

Dieses Potential hat man bei uns allerdings nicht ausgeschöpft. Wo von den EWR-Richtlinien Anstösse kommen oder auch Zwänge, etwas umzusetzen, versucht man immer, diese auf einem möglichst tiefen Niveau zu halten.

Der EWR ist mit eine Ursache, dass unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht eine gute Entwicklung genommen hat, Richtung Öffnung oder Richtung Normalisierung.

Wenn wir die Entwicklung vorher nicht gemacht hätten auf dem Gleichberechtigungssektor, hätten wir enorme Schwierigkeiten gehabt, überhaupt rein zu kommen. Wir hätten in keiner Art und Weise reingepasst. Es war vor allem wichtig, dass man vorher schon die Voraussetzungen geschaffen hat.

Mit dem EWR ist ein frischer Wind durch das Land gefegt. In meiner Wahrnehmung hat es eine ungeheure Öffnung gegeben. Wenn wir in den 80er-Jahren verharrt wären, hätten wir für so viele Sachen kämpfen, kämpfen, kämpfen und sehr viele Niederlagen einstecken müssen. In diesem Zug ist plötzlich sehr viel möglich geworden.

Die ganze Einbindung in internationale Organisationen hat natürlich einen Schub gebracht. Man sagt immer, die Zeit ist nicht reif. Aber was einmal vorgedacht ist und was internationaler Standard ist, das setzt sich – vielleicht mit etwas Verspätung – aber auch in Liechtenstein durch.

1999 Gleichstellungsgesetz 

Die Änderungen, wie gleiches Entgelt für gleiche und gleichwertige Arbeit, sind alle schon vorher passiert. Im Gleichstellungsgesetz ist eine Weiterführung passiert, und zwar, dass ein Diskriminierungsverbot ausgesprochen wird.

Ob das Gesetz tragfähig ist, da habe ich noch meine Zweifel. Wenn man schaut, was damit passiert ist, dann sieht man, es hat noch keine Prozesswelle ausgelöst.

Es müssen Frauen ermutigt werden und aufgezeigt werden, ihr habt diese Rechte, ihr könnt euch einsetzen und ihr habt die Möglichkeit auch wirklich einen Prozess zu gewinnen, ohne dass ihr den Arbeitsplatz verliert. 

Als Frau in der Politik mitbestimmen.

Nicht nur ich, auch andere Frauen, haben seit 30 Jahren gearbeitet an verschiedenen Fronten, um Sachen zu verändern. Aber es wird nicht als politische Arbeit wahrgenommen. Ich weiss nicht, wie wir das den Leuten klar machen sollen, dass das eben auch politische Arbeit ist.

Wir müssen Frauen ermutigen und aufmuntern und reinziehen. Wir haben das letzte Mal im 1997 eine Wahlanalyse gemacht. Welche Frauen haben die grössten Chancen gewählt zu werden. Dann ist als ideale Kandidatin folgende Frau rausgefunden worden. Sehr bemerkenswert! 
1.Sie muss eine höhere Ausbildung haben. 
2.Sie muss verheiratet sein.
3.Sie muss Kinder haben.
4.Sie muss berufstätig sein.
Diese vier Bedingungen muss eine Frau erfüllen, ein Idealbild einer Frau, damit sie die ideale Kandidatin ist.

...etwas ganz wichtiges, dass in der Politik die Spielregeln von Männern erstellt wurden. Die einzelnen gewählten Frauen müssen sich in diesem Feld bewegen, das sehr männerdominiert ist. Alle Strukturen sind sehr männerdominiert.

Lang hat man den Frauen mit Gewalt und mit Gesetzen verweigert, mitzumachen. Jetzt muss man nicht denken, dass man das ganz kurz aufholen kann oder dass das ohne Massnahmen geht. Vorher waren auch Massnahmen. Um die 100%-Männerquote durchzusetzen hatte man Gesetze.

Wir sind in einer Situation, wo kein Weg daran vorbei führt, dass man für eine gewisse Zeit die Chancen der Frauen verbessert, damit sie bessere Startchancen haben bei einer Wahl als die Männer.

Die Männer müssen sicher keine Angst haben, dass die Frauen plötzlich alles bestimmen. Das ist immer wieder die grosse Angst der Männer. Im schlimmsten Fall würde ich sagen – so wie man jetzt immer die Quote für die Frauen diskutiert – allgemein Quoten. Wenn es wirklich einmal so kommen sollte, dass die Frauen überhand nehmen, dann haben wir die Quote, dass die Männer trotzdem vertreten sind.

Wie schaut die Frauensolidarität bei Wahlen aus, beispielsweise? Werden Frauen von Frauen gewählt? Das würde ich auch unter dieses Stichwort tun. Wir haben die Wahlanalyse 1997 gemacht. Da kam klar raus, dass Frauen doch vermehrt Frauen wählen, nicht so wie es immer hiess, Frauen streichen Frauen. Aber das reicht nicht!

Ich habe eher das Gefühl, dass Frauen sich nicht trauen oder sich nicht vorstellen können, einmal auf einer Liste alle Männer zu streichen und nur die Frauen stehen zu lassen. Hingegen gibt es eine grosse Anzahl von Männern, die zwei, drei Striche machen mit Frauennamen. Und dann ist das schon passiert, dann sind sie schon nicht mehr da.

Die Vernetzung unter den Frauenorganisationen europaweit, weltweit, betrachte ich nach wie vor als sehr wichtig. Ich wünsche mir, dass viel mehr Kraft reinfliesst. Die Frauen müssten sich viel mehr bewusst werden, dass wir die Hälfte der Menschheit sind.

Ins 3. Jahrtausend

Es gibt wahrscheinlich schon noch ein paar Leute, die denken, Frauen seien nur zum Kochen, Putzen und Kinder machen da. Wir sind nicht unbedingt ein Werkzeug, dass man einfach so benutzen kann, wie man es gerade braucht. Wenn irgendeiner her kommen würde und das mir sagen würde, der würde keine normale Frau finden. Sie würde alles machen, was dieser Typ will und sie würde sich so selbst zerstören. Das finde ich idiotisch.

Wenn wir von einer Änderung des Bewusstseins ausgehen wollen, dann ist das zuerst einmal ein Prozess. Dieser Prozess wurde initiiert, als das erste Mal in Liechtenstein Frauen das Stimmrecht thematisierten. Über all diese Jahre ist dieser Prozess langsam fortgeschritten, wir hatten sehr viel Aufholarbeit mit der rechtlichen Gleichstellung.

Es gibt keine Gesetze mehr, die Frauen offensichtlich benachteiligen. Es fehlt aber nach wie vor die gesellschaftliche Gleichstellung. Die Frauen werden durch die Art, wie unsere Gesellschaft organisiert ist, wie man z.B. Erziehungsaufgaben teilt, wie man das Leben organisiert, werden Frauen de facto benachteiligt.

Was mir heute begegnet, ist, dass die Welt immer noch von Männerseite definiert wird. Ich muss mich anpassen. Die Sache hat sich zwar geweitet. Frauen haben einige Möglichkeiten mehr als noch die Generation von meiner Mutter. Aber die Welt erklären auch heute noch die Männer. 

Es geht darum, dass Frauen und Männer sich bewusst werden, wie in der Literatur, wie in der Bibel, wie in der Kunst, Rollen vermittelt werden: Rollen von Frauen, Rollen von Männern.

Es ist ja blöd, wenn man – nur weil man weiblich ist – weniger wert sein soll. Es braucht uns auch. Sie wären gar nicht da, wenn wir nicht da wären.

Frauen haben viele Schritte gemacht. Viele sind berufstätig, verdienen mit. Jetzt müsste sich bei den Männern langsam etwas ändern – nein, nicht langsam, eigentlich schnell müsste sich etwas ändern.

Männer dürften noch einen grossen Aufholbedarf haben. Eine Familie miteinander haben und gleichzeitig seine ganzen Möglichkeiten als Frau voll auszuschöpfen, das dürfte immer noch schwierig sein. Wenn die Männer noch ihren Anteil an der Hausarbeit verweigern, oder immer noch das Gefühl haben, das ist die Rolle der Frau, dann ist es schwierig. Die Frauen, die da klein beigeben, die existieren immer noch. Sie sagen dann, in diesem Fall bleibe ich eben zuhause.

Viele sind gar nicht für die Idee, dass die Frauen überall dabei sind, wegen der biologischen Tatsache: gebären. Da wird nach meiner Ansicht als Frauenärztin ein enormer Kult betrieben in unserer Gesellschaft. Ich bin für schwanger sein, am Schluss soll man nicht mehr arbeiten gehen, denn man hat einen dicken Bauch und kann sich nicht mehr schnell bewegen. Man soll Zeit haben zum Gebären, zum Stillen. Aber nach einem Jahr ist diese Sache vorbei. Nicht dass man nicht mehr teilnimmt am Aufwachsen des Kindes, aber gleichberechtigt. Dann könnten und sollten die Frauen wieder arbeiten gehen, denn der weibliche Horizont geht zurück, wenn man immer zuhause bleibt. Das kann man aufwerten wie man will. Wenn man nicht mehr im Management, nicht mehr in der Ausbildung ist, dann geht er zurück. 

Wenn man das will, dann müsste man sagen, die Karrieremöglichkeit der Frauen beinhaltet Beruf und Kinder. Das heisst, man müsste eine Phase haben, wo die Frau oder der Mann, aber in den meisten Fällen ist es offensichtlich umgekehrt, die Möglichkeit hat, im Betrieb zurückzustehen, d.h. die Arbeitszeit zu reduzieren. Also nicht austreten und damit die Karriere unterbrechen! Denn 3-4 Jahre Karriereunterbruch, das ist heute aus verschiedenen Gründen ein Problem.

Die Patentlösung gibt es nicht. Aber mit viel gutem Willen könnte man viel mehr erreichen. Ich denke vor allem an die vermehrte Teilzeitbeschäftigung des Mannes. Gleiche Rechte heisst ja auch teilen. Der Mann muss nicht nur die Rechte teilen, warum nicht auch Arbeitszeit abgeben zugunsten der Frauen?

Männer spüren auch, dass sie zu wenig von ihren Familien haben. Es ist auch für sie undankbar, reduziert zu werden auf den wirtschaftlichen Bereich.

Ich kenne viele junge Leute, die Familienaufgaben übernehmen, die für mich – ich sage das so – noch etwas ungewohnt wären, auch in der Rollenverteilung. Das hängt sicher mit dem Beruf zusammen. Wenn es gelingt, dass man sagt, die gesetzliche Grundlage wird geschaffen, dass wir eine Gleichberechtigung und Gleichstellung haben, die Wirtschaft ermöglicht flexible Arbeitsmodelle, damit die Frau die gleichen Chancen hat, und das Rollenverständnis in der Partnerschaft ist so, dass beide Partner aufeinander Rücksicht nehmen, auch zeitlich. 

Zeitmodelle ist sicher etwas, das im Sinne der Gleichberechtigung ganz wichtig wird. Im Moment scheint es visionär. Wenn wir über eine Veränderung und Verbesserung der Welt nachdenken, dann ist es für mich etwas sehr wichtiges.

Heute muss es sich jede und jeder selber einrichten. Ich glaube nicht mehr daran, dass man alles über das Gesetz verordnen kann. Das funktioniert anscheinend nicht. Die Frauen müssen auf die Hinterbeine stehen, damit sie nicht Bürgerinnen 2. Klasse bleiben oder werden oder sind.

Wir haben noch so viel Arbeit wie vor 30 Jahren, nur eben anders. Jetzt ist es fast noch schwieriger, weil es nicht mehr so sichtbar ist. Jetzt sind die Ungerechtigkeiten subtiler. Man muss immer erklären, das ist eine Ungerechtigkeit. Früher wusste man, das fehlende Frauenstimmrecht, das hat dann noch jeder schlussendlich kapiert, dass dort etwas nicht stimmt.

Wünsche, Visionen, Utopien

Wenn ich an Vision oder in Richtung Utopien denke, dann würde ich eine gerechte Gesellschaft vor mir sehen. Das würde heissen, dass auch die Gleichstellung zwischen Mann und Frau verwirklicht ist.

Das bedeutet, dass es Paaren und Familien besser gehen würde, wenn jedes seine Eigenheiten leben würde. Dass Männer umsorgend, fürsorglich oder zärtlich sein dürfen zu ihren Partnerinnen und ihren Kindern, diesen Impulsen nachgeben dürfen. Und dass gleichzeitig Frauen ihren Impulsen nachgehen dürfen, um in der Öffentlichkeit zu sein, einen Job gut und mit Freude zu machen und mit Freude gleichzeitig Kinder zu haben.

Meine Vision ist, dass es gelingt, die Trennung in zwei Welten, Innenwelt = Familienwelt, Aussenwelt = Berufswelt, Innenwelt = Frau, Aussenwelt = Mann, zu überwinden. Damit wir in eine Gesellschaftsform kommen, in der es für Frauen und für Männer gleichermassen möglich ist, sich in beiden Welten zu bewegen. Das Glück wäre grösser und die Anzahl Herzinfarkte kleiner. Wir hätten eine bessere Gesellschaft damit.

Meine Vorstellung wäre, dass jede Person, ob Mann oder Frau, einfach das leben kann, was sie wichtig findet.

Ich als Mensch, damit ich nicht immer als Frau dastehe und mich wehren muss, damit ich nicht untergehe.

Dass die Linie Mann-Frau in diesem Sinn aufgehoben wird.

Dass wir dorthin kommen, dass wir Menschen sind, weibliche und männliche.

Dass das zusammenschmilzt, dass das eine Einheit wird. Jetzt geht es trotzdem immer noch mehr auseinander. Hier ist der Beruf, da wird immer mehr gefordert. Wir sind wieder an einem Punkt, wo man das Soziale, das was verbindet, in einen Nebensektor schiebt. Es ist ein Nebensektor des Lebens. Das ist eine schlechte Entwicklung. Sie hat mit der Gleichberechtigung zu tun, mit dem Blick darauf, dass das gleichwertige Lebensbereiche sind, der Beruf und das Familiäre, Soziale, Gemeinschaftliche.

Utopien heisst .... die Frauen werden für die Gestaltung unserer Zukunft viel wichtiger sein als die Männer. Was wir Männer in den letzten Jahrhunderten veranstaltet haben, ist nicht das, was die Menschheit weiter bringt. Es braucht eine totale Veränderung. Es braucht einen Paradigmawechsel. Wir müssen abkommen von gewissen Verhaltensnormen, von gewissen Wirtschaftsüberlegungen, die typisch männlich sind. Wir müssen neue Wege finden – ich sage das so allgemein, weil ich es nicht genauer ausdrücken kann. Diese neuen Wege müssen vor allem von den Frauen gestaltet werden. Bei den Männern kommt nichts Neues mehr heraus. Die sind festgefahren.

Wow – ich habe keine Utopien mehr in dieser Grössenordnung!

Wenn ich noch etwas sagen könnte, würde ich aufrufen, nicht alles hinzunehmen und mit sich geschehen zu lassen. Dort wo man das Gefühl hat oder wo man weiss, es wären Verbesserungen angebracht, kann man sich mit anderen zusammentun und probieren, das durchzusetzen. Es lohnt sich. Gerade in einem kleinen Land, in dem alles Auswirkungen hat. Man darf nicht nur den Stress, die Anstrengung und die Arbeit sehen, man muss auch sehen – auch wenn man nur wenig erreicht hat – am Schluss macht es zufrieden.


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